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An(ge)dacht
 

Monatsspruch November

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.

Jer 31,9

Sprechzeiten der Kanzlei

Dienstags 10-12°°
15-17°°
Donnerstags 10-12°°
Freitags 10-12°°

Sprechzeit von Pfarrer Tobias Sommer

dienstags 16°° - 18°°
oder jederzeit nach Terminabsprache

An(ge)dacht

Umarmen und Loslassen                                      von Tobias Sommer
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„Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“ (Mk 10,16)
Jesus lässt die Kinder zu sich kommen und segnet sie. Diese Worte werden oft bei Taufen von kleinen Kindern gelesen. Total passend! Wer von den Hörenden weiß denn aber, was „herzen“ ist? Martin Luther hat dieses Wort in seiner Übersetzung genutzt.
Im Markusevangelium steht im griechischen Urtext dafür ein Wort, das so viel wie „hochheben, auf die Arme nehmen“ bedeutet. Aber Luther verwendet es noch an anderer Stelle. Im 3. Kapitel des Buches Kohelet (Prediger Salomo) im Ersten Testament übersetzt er: „Herzen hat seine Zeit und aufhören zu herzen hat seine Zeit.“ Das hebräische Wort für „herzen“ bedeutet so viel wie „um den Hals fallen, umarmen“. Mit „herzen“ ist also eine körperliche Aktivität zweier Menschen gemeint, die sich gegenseitig in die Arme schließen. Bei einer Umarmung übertreten Menschen absichtlich die natürlichen Abstandsgrenzen, kommen sich nahe. Auch ihre Herzorgane kommen sich so näher. Luthers Vokabel verweist jedoch auch auf das, was bei einer Umarmung innerlich geschieht. Ich fühle mich angenommen. Erlebe gegenseitiges Vertrauen. Kann mich darin fallen lassen oder dadurch Halt geben. Ich lasse mein Herz mit dem anderen mitschlagen, mitschwingen, egal, was es bewegt: Sorge, Kummer, Freude, Dank.
In Zeiten, in denen wir durch die Angst vor Ansteckung bzw. zum Schutz Anderer auf Abstand gehen, frage ich mich, ob uns da nicht etwas Lebensnotwendiges fehlt. Oder ist das Umarmen schon vor den Corona-Beschränkungen dieses Jahres seltener geworden? Wen lasse ich eigentlich so nah an mich ran? Mache ich mich damit zu angreifbar? Brauche ich das überhaupt? Menschen, die ihre Kindheit in den Nachkriegsjahren verbracht haben, berichten mir immer wieder, dass sie damals emotionale Ausdrücke wie streicheln, küssen oder umarmen nicht oder in unangemessener Weise kennengelernt haben. Teilweise erst im Alter wird ihnen dann bewusst, wie sehr sie das geprägt hat. Und auch, wie sehr sie sich nach echter Nähe sehnten und sehnen. Und wie erleben wir es heute?
Ich möchte Sie und Euch am Ende dieses Kirchenjahres dazu ermutigen in ganz biblischer Tradition das „Herzen“, das Umarmen zu praktizieren. Das Loslassen passiert von allein. Alles hat seine Zeit. Aber eine Umarmung geschieht eben nicht einfach, sondern braucht Mut und einen ersten Schritt. Aber einmal umschlungen geschieht das, was ich weder mit Worten noch mit anderen Werken herstellen kann. Nähe, Trost, Vertrauen, Geborgenheit, Vergebung. Nach einer Umarmung ist nicht derselbe wie zuvor. Deshalb – trotz oder gerade wegen Corona rufe ich im Namen Gottes dazu auf: Herze deinen Nächsten wie dich selbst. Und wenn gerade niemand in deiner Nähe ist, dann lass dich von Jesus in den Arm nehmen, der doch schon längst mit ausgebreiteten Armen vor dir steht und sagt: lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

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