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An(ge)dacht
 

Monatsspruch Oktober

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.

Ps 38,10

Öffnungszeiten der Kanzlei

Dienstags 10-12°°
15-17°°
Donnerstags 10-12°°
Freitags 10-12°°

Sprechzeit von Pfarrer Tobias Sommer

dienstags 16°° - 18°°
oder jederzeit nach Terminabsprache

An(ge)dacht

Klagen erlaubt?!                                                                     von Tobias Sommer
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Ich treffe eine ältere Dame aus unserer Gemeinde. Wir kommen ins Gespräch. „Wie geht es Ihnen?“, frage ich. „Ich will nicht lamentieren!“ hö̈re ich als Antwort. „Warum nicht?“ frage ich spontan zurück. „Ich muss dem lieben Gott doch dankbar sein.“
Geht das immer? Was ist mit den Belastungen, Nöten, Sorgen? Es gibt doch keinen Menschen, dem alles gelingt, für den jeder Tag eitel Sonnenschein ist. Ganz im Gegenteil: Ich lerne Menschen und ihr Schicksal kennen, denen man das gar nicht ansieht. Jeder Mensch trägt sein Kreuz. Warum soll ich das nicht auch mal laut sagen, also klagen können? Vielleicht deshalb, weil ich mich selbst nicht an das Schlimme erinnern will. Weil ich Angst habe dann in meinem Leid zu ertrinken. „Anderen geht es noch schlimmer! Ich kann doch wirklich nicht klagen!“ Vielleicht klage ich aber auch nicht, weil ich das anderen nicht zumuten will oder kann. Da gehört Vertrauen dazu. „Du, lass mal! Ich möchte nicht klagen!“ Manchmal möchte ich ja klagen, aber dabei auch nicht schwach wirken. „Ich will nicht klagen! Ich bin doch keine Memme.“ Und manchmal klage ich nicht, weil ich so oft gehört habe, dass man Gott gegenüber nicht undankbar sein soll. „Ich darf nicht klagen! Gott sei Dank!“ Gott sei Dank ist nicht alles im Leben beklagenswert. Es gibt auch die Freude. So manche Last können wir dadurch gut ertragen. Manchmal bringt sie uns sogar voran. Manchmal aber gibt es Momente, wo ich selbst nicht weiterweiß. Da spüre ich meine Ohnmacht, meine Ratlosigkeit, meine Sehnsucht. Dann kann es gut sein zu klagen, laut auszusprechen, was mich bedrückt: Einer Freundin, einem Seelsorger, einer Psychologin. Auch Gott lädt uns zum Klagen ein. Ihm dürfen wir alles zeigen. Ihm können wir unsere Klage zumuten: im Gespräch, im Gebet oder auch ganz anders. Und finde ich da mal keine eigenen Worte, dann nehme ich die, die Gott mir schenkt, wie die des Monatsspruchs für Oktober:
Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. (Psalm 38,10)
Was für starke Worte. Sie könnten zu meinen werden. Sie nehmen nichts von meiner Not weg. Aber sie lassen mich damit auch nicht allein. Gott liebt mich – auch mein Klagen. Probieren Sie es doch mal aus. Sprechen Sie den Monatsspruch jetzt noch ein- oder zweimal laut vor sich hin. Lassen Sie einen Moment Stille dazwischen. Und wenn Sie mögen, schließen Sie mit „Amen!“